Probenwochenende in Kaub

„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin. Ein Märchen aus uralten Zeiten, das geht mir nicht aus dem Sinn….“

… so dichtete Heinrich Heine 1823, als er durch das enge Rheintal an der Pfalz bei Kaub vorbei auf die Loreley zufuhr. Heute ist diese Fahrt nicht mehr so gefahrvoll wie damals, und manch ein Wanderer verweilt ein Wochenende in einer der schönsten Jugendherbergen Deutschlands, in der Rheinsteig-Jugendherberge, im Zentrum von Kaub gelegen.
Das Hauptgebäude existierte schon zu Zeiten Heinrich Heines. Aus seinen rheinseits gelegenen Fenstern erblickt man die Pfalz mit Deutschlands mächtigstem Fluss und seinen Schiffen, die sich hier stromaufwärts auf die gefahrvolle Fahrt durch die felsigen Engstellen, das ‚Binger Loch‘, vorbereiten.

Die Jugendherberge bietet nicht nur Unterkunft und Verpflegung. Sie hat auch eine ausgezeichnete Infrastruktur, die es Chören und Orchestern ermöglicht, hier ein paar Tage konzentrierte Probenarbeit zu leisten. Der schallgedämmte, freundlich und zweckmäßig ausgestattete Probensaal hat eine ausgezeichnete Akustik. Er kann leicht bis zu 80 Musiker aufnehmen. Zudem gibt es in der Jugendherberge viele Nebenräume, um Einzel- oder Satzproben abzuhalten. So ist es kein Zufall, dass die Taunusmusikanten nun schon zum zweiten Mal ihr traditionelles Probenwochenende in Kaub veranstalteten.
Offiziell ging es freitags, am 12.Oktober, los. Aber eine Vorhut von etwa 10 Musikern, die sich extra dafür Urlaub genommen hatten, reiste schon donnerstags Mittag an, um alles vorzubereiten. Bestuhlung, Notenarchiv, eine Snackbar, ein Kühlschrank, ein Fotokopierer…., alles musste professionell aufgebaut werden. Man staunt, was ein Orchester alles braucht, um arbeiten zu können. Und, was immer gerne vergessen wird: es bedurfte einer ausgiebigen Vorbereitungsphase, um dies alles zu ermöglichen. Unsere Organisations-Chefin Steffi hatte schon Wochen vorher angefangen alles in die Wege zu leiten, sodass die Teilnehmer letztlich nur noch ihre Zimmer belegen brauchten.

Am Freitagmorgen ging es dann ‚offiziell‘ los. Wie gewohnt hatte Karsten, unser Dirigent mit seinen Stellvertretern Maren und Frank ein umfangreiches Programm zusammengestellt. Der Herbst ist die ideale Jahreszeit, um mit einem Laienorchester schwierige Stücke einzuüben. Stehen doch die wichtigsten Auftritts-Termine des Jahres noch bevor. So war dieses Jahr ein Schwerpunkt auf die kommenden Advents- und Weihnachtsauftritte gelegt worden. Auch wurden Satzproben für besonders schwere Passagen abgehalten. Vom Tiefblech (Tuba, Bariton und Tenorhörner) über Posaunen, Saxophone bis hin zu Trompeten und Klarinetten: jede Instrumentalgruppe setzte sich in einem anderen Raum zusammen, um das zu lernen, was beim Probieren zu Hause, allein und ohne ein fachkundiges ‚Feedback‘, für einen Laienmusiker schwierig ist.

Hervorheben muss man an dieser Stelle die Gastronomie der Jugendherberge: nach jeweils anstrengenden Proben waren Mittag- und Abendessen eine willkommene Abwechslung. Vorbei die Zeiten, als in Jugendherbergen noch Eintöpfe, Butterbrot und Pfefferminztee die Regelverpflegung war. Mehrere Gerichte zur Auswahl, eine Sonderküche für Allergiker, Buffets und ein reichhaltiges Getränke-Sortiment ließen keinen Grund für Kritik aufkommen. Lediglich alkoholische Getränke waren nicht im normalen Umfang enthalten. Die Taunusmusikanten haben aber ihr Mitglied Stefan, seines Zeichens Tenor-Hornist, also dem Tiefblech zugehörig. Stefan hat beste Beziehungen zu einer Privatbrauerei in Süddeutschland und keine Mühen gescheut, mit Genehmigung der Herbergsleitung, eine Zapfanlage zu installieren, um nach den Proben für würzigen Gerstensaft zu sorgen. Dazu gab es nach den Proben allerlei Salziges, Gebäck und Knabbereien, alles aus Spenden von Vereinsmitgliedern.

Bevor es aber zum geselligen Teil ging, wurden am Samstagnachmittag noch ein paar Sondereinlagen gemacht:
Traditionell studierte ein Teil der Musiker ein Gesangsstück ein. Ein anderer Teil probte ein neues Instrumentalstück, zum Teil auf dem jeweiligen Zweitinstrument: da wurde der Trompeter zum Saxophonist, der Tubabläser versuchte sich auf der Klarinette, die Flügelhornistin auf dem Tenorhorn usw. Unsere Rhythmiker (Schlagzeug, Percussion) veranstalteten bei dieser Gelegenheit einen Kurzlehrgang für alle Kollegen,die sich einmal mit diesem Teil der Instrumententechnik befassen wollten. Die Teilnehmer dieses Lehrgangs studierten dann unter der Leitung von Frank ein Percussion-Stück ein. Zum Schluss stellte dann jede Gruppe das Erlernte den jeweils anderen vor. Resumee: Es wurde nicht mit Applaus gespart, kam es doch darauf an, in kurzer Zeit neue Dinge zu lernen und, das Wichtigste, dabei Spaß zu haben.

Am Sonntagmorgen, dem letzten Tag des Probenwochenendes, waren die mit den Instrumenten erzeugten Töne noch etwas ‚belegt‘, was auf einen feuchtfröhlichen Samstagabend schließen ließ. Aber nach einer angemessenen Warmlaufphase konnte der Endspurt beginnen. Es wurden nochmal alle bisher geprobten Stücke angespielt und Karsten, der dafür bekannt ist, berechtigte Kritik auch auszusprechen, zeigte sich mit dem Erreichten sehr zufrieden. Nach dem Mittagessen ging es dann ans Abbauen und Verstauen der Instrumente und des Zubehörs in die Fahrzeuge. Ein letzter Blick auf den Rhein mit der Burg Pfalzgrafenstein sorgte für etwas Wehmut. So muss es auch Heinrich Heine gegangen sein, als er das romantische Rheintal wieder verließ und seine Gefühle in Verse setzte. Dennoch: Jeder Teilnehmer hatte die Überzeugung, etwas für sich mitgenommen zu haben von diesem schönen Wochenende!